Der "Grotewohl Express" - Gefangenentransport in der DDR


Aus: "EISENBAHN KURIER", 7/2003 Eisenbahn-Geschichte

Ist sein Äußeres auch recht unscheinbar, so war sein Einsatz für die "Reisenden" meist der Beginn oder die Unterbrechung einer langen Tortur. Am 23. März 2003 wartet der letzte erhaltene Häftlingstransportwagen der DR in Berlin-Grunewald auf die Umsetzung nach Berlin-Hohenschönhausen.

Ende der siebziger Jahre benötigte man in der DDR dringend neue Wagen zum Transport von Häftlingen. Die bisher genutzten Fahrzeuge standen kurz vor der Betriebsuntauglichkeit - einer der Wagen stammte beispielsweise aus dem Jahr 1895. So wurden zwischen 1980 und 1982 vier neue Transportwagen gebaut. Diese boten in 18 Zellen zu je 1,34 m2 Platz für bis zu 95 Häftlinge - fünf pro Zelle! Eine 19. Zelle war als Einzelhaftzelle angelegt, wurde aber selten genutzt.

Eingesetzt wurden die Wagen der Gattung GSTW hauptsächlich zwischen Magdeburg, Leipzig und Bautzen. Man hängte sie dabei ganz einfach an reguläre Reisezüge. In ihnen wurden gemeinhin kriminelle Straftäter, aber auch "Grenzverletzer" und in Ausnahmefällen auch politische Gefangene transportiert, die so von den Untersuchungshaftanstalten in die DDR-Strafvollzugsanstalten gebracht wurden. Der Ein- und Ausstieg der Häftlinge fand an den Bahnsteigen nach dem Einlaufen des Zuges statt.

Mit dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik endeten auch die Häftlingstransporte auf der Schiene, und die Wagen wurden - trotz einer noch am 12. Juli 1990 erfolgten Untersuchung - wenig später von der DR ausgemustert.

Finanziert durch Privatspenden, erwarb 1995 der Verein "Hilferufe von drüben" den dritten gebauten und als einzigen noch vorhandenen Wagen 57 50 09-15 009-6. Im Jahr 2000 wurde er einem ehemaligen "Insassen" und dem Opferverein Bautzen II überlassen. Seither gab es oft Verständigungsschwierigkeiten um das Fahrzeug. So bemühte sich das Bürgerkomitee Leipzig, welches die Gedenkstätte "Museum in der Runden Ecke" betreut, um Sanierungskonzepte und unterbreitete Vorschläge zur sinnvollen Nutzung des heutigen Unikats. Die Überführung des Wagens von Bautzen nach Leipzig endete im Vorjahr jedoch mit einem handfesten Streit, in dessen Folge der Wagen im Leipziger Hauptbahnhof auf dem Museumsgleis 24 nie betreten werden durfte (siehe "Übrigens" im EK 6/02, S. 25). Ende Mai 2002 kam es zu einer ersten Gerichtsverhandlung. Nach dieser gab das Leipziger Bürgerkomitee den in der Tagespresse "Grotewohl-Express" genannten Wagen an den Opfer-, Förder- und Dokumentationsverein Bautzen II zurück - obwohl die Leipziger nie bezweifelt hatten, dass das Fahrzeug den Bautzenern gehörte... Man war lediglich von einer Transportgenehmigung ausgegangen. Was mit dem Wagen geschehen sollte, ließ das Urteil offen. Der Streit ging weiter. Anfang Juli 2002 wurde der GSTW sogar beschlagnahmt. Da alle Versuche, eine außergerichtliche Lösung zu finden, scheiterten, fand der Streit am 15. Oktober durch einen gerichtlichen Vergleich sein Ende: Der Wagen war aus Leipzig zu entfernen, und das Bürgerkomitee zahlte einen Betrag an den Opfer-, Förder- und Dokumentationsverein.

Inzwischen steht der Häftlingstransportwagen in Berlin-Grunewald. Von hier soll er nach Berlin-Hohenschönhausen gebracht werden, wo er vor der dortigen Gedenkstätte für die Opfer der Stasi-Gewalt aufgestellt werden soll.

Im vorigen Jahr stand der ehemalige Häftlingstransportwagen 575009-15009-6 viele Monate im Leipziger Hauptbahnhof auf Gleis 24 ausgestellt, wo Museumsfahrzeuge präsentiert werden können. Im Hintergrund war am 25. Mai 2002 der SVT 137225 Bauart "Hamburg" zu sehen.

Patrick Geßner